Vom Vergnügen, nirgendwohin zu gelangen
Katalogtext

Das Karussell dient der Bewegung im Kreis. Es ist ein großes Vergnügen, sich schnell fortzubewegen und dennoch nirgend­wohin zu gelangen. In den Projektionen der Künstlerin Stefanie Pöllot sieht man keine Menschen im Karussell fahren, hört sie nicht schreien und rufen. Was bleibt, ist die Bewegung im Kreis. Pures visuelles Vergnügen, endlos, ein wahres Perpetuum mobile: „... langsam haben wir das Gefühl, wir gelangen nirgendwo hin. Das ist ein Vergnügen, das andauern wird. Sind wir irritiert, ist es kein Vergnügen. Nichts ist kein Vergnügen, wenn man irritiert ist, aber plötzlich ist es ein Vergnügen, und dann, mehr und mehr, ist es nicht irritierend ..." (John Cage: Vortrag über nichts).

Der Kreis ist historisch vorbelastet: Er ist die Figur des Beweises, der Zeit und Unendlichkeit, aber auch der Unentrinnbarkeit. Stefanie Pöllots Kreis folgt dagegen der Schleife des Films. Die Künstlerin überträgt die Struktur des filmischen Loops in die Groß­form der Anordnung von Projektoren im Raum: boomerang. Die neunteilige Filminstallation führte die Besucher im Kreis durch den Kunstverein Kohlenhof in Nürnberg. Ratternde Super-8-Projektoren warfen Bilder vom Meer und vorbeifahrenden Schiffen auf transparente, von der Decke herabhängende Bahnen. Das lineare Medium des Films erfuhr eine Verräum­lichung. Zusammengesehen bildeten die im Raum gestaffelten Projek­tions­flächen ein Panorama von Ungleichzeitigkeiten. Die Ausstel­lungs­besucher wurden auf eine endlose Reise geschickt, denn der Hafen bedeutete Ende und Anfang zugleich. Eine je­der­zeit umkehrbare Geschichte, da die projizierten Bilder beidseitig zu sehen waren.
Und noch einmal das Meer. Und wieder der Kreis und die Um­kehrung. Der Videofilm Replace zeigt den Kauf einer Perle beim Juwelier. Im Fischladen wird eine Auster erstanden, der anschließend die Perle implantiert wird. Die Reise – der Zuschauer ahnt es bereits – führt ans Meer, wo in der letzten Einstellung des Films die Auster samt Perle ins Wasser zurückgeworfen wird.
Die Arbeit changiert zwischen der Dokumentation einer Aktion, deren Schei­tern vorprogrammiert ist, und einer Filmerzählung mit Anfang und Ende, die dennoch wieder an einen Kreislauf den­ken lässt: Vielleicht wird ja die Perle wieder bei einem Juwe­lier landen... Dem Versuch, das Schicksal der Perle umzukehren, haftet ebenso viel Widersinniges wie Tragikomisches an. Und doch ist alles ganz selbstverständlich: Ergebnis der ruhigen Bilder, die sich alle Zeit lassen, die einzelnen Schritte des „Replacement" zu zeigen. Alle Filmbilder dürfen für sich stehen, treiben nicht nur Hand­lung voran.   
      
Der Sonnenuntergang fand täglich zur Zeit des Sonnenunter­gangs statt. Während der Ausstellung camping-camping im leer stehenden Nürnberger Volksbad zeigte Stefanie Pöllot an zehn Ta­gen zehn verschiedene Sonnenuntergänge in einer Lünette un­terhalb der Uhr, die zwischen innen und außen, realem und pro­jiziertem Sonnenuntergang Parallelität garantierte. Was ist ein Hal­­lenbad anderes als ein in ein großes Haus geholter Badesee? Warum dann nicht auch den Sonnenuntergang unter das Hallen­dach bringen? Und Grillen, die akustisch südliches Flair verbreiteten. Sehn­suchts­motive, die der künstlerischen Umwandlung des ehemaligen Hallen­bades in einen Campingplatz die Kulisse bildeten.
Kunstwerke sind Rätsel. Stefanie Pöllot hat den Rätselcharakter des Kunstwerks wörtlich genommen und ein Kunstwerk in Gestalt eines Rätsels geschaffen. Mit der Zeile „Wenn ich nur wüßt‘" – im Duktus dem Märchen geschuldet, in Goethes Faust wiederzufinden – beginnt das gereimte Rätsel. Wer es löst, wird mit einem Schatz in einer silbernen Schatulle belohnt. Der Ort des Rätsels ist denkbar profan. Eine Sparkassenfiliale in Lauf. Ob irdische Reichtümer, wie sie das Geldinstitut verwaltet, als Lohn für die Enträtselung winken – wer weiß? Von der dezenten roten Tafel mit dem achtzeiligen Rätsel strahlt das Geheimnis auf den ganzen Platz vor dem Sparkassengebäude aus. Von einer „energetischen Aufladung" spricht die Künstlerin. Überall könnte der Schatz verborgen sein. Noch ist er nicht gefunden. Eine Ent­rätselung bedeutete die Aufhebung des Kunstwerks. Gehobene Schätze, gelüftete Geheimnisse geben keine Anlässe mehr zum Raten, zum Spekulieren, für Diskussionen und Gerüchte.

Fragen, große und kleine, wie es im Titel heißt, stellte die Künst­lerin ihrem Publikum mit einer im öffentlichen Raum gezeigten Videoprojektion. Nichts als die Fragen selbst waren zu sehen. Die Hand, die die Zeilen schrieb, blieb Silhouette. Umso eindrückli­cher die Fragen, auch wenn da nur nach der Stärke eines Hauchs gefragt wurde. Fragen, auf die es nicht unbedingt Antworten gibt. Neugierig machte die Projektion allein schon dadurch, dass die handschriftlichen Zeilen im Entstehen gezeigt wurden. Noch bevor die Wörter ausgeschrieben waren, mochten sie sich in den Köpfen der Betrachter gebildet haben. Die Menschen vor der Schaufensterscheibe, die als Projektionsfläche diente, wurden zu Zeugen einer sehr persönlichen Handlung. Die Scheibe verwandelte sich in eine Schnittstelle zwischen privater und öffentlicher Sphäre.

Dies war auch Thema von Stefanie Pöllots Ausstellung in der Stiftung Het Wilde Weten in Rotterdam. Nur war hier die Rich­tung des Austausches entgegengesetzt: Bilder von draußen holte sie nach innen, in ihre privaten Räume: home affairs. Hier ließ sie ein großes Schiff durchs Gefrierfach ihres Kühlschranks fahren. Nicht nur die entweichende Kälte, sondern auch die Gefahr  – man denke an das unglückliche Ende der Reise von Caspar David Friedrichs Schiff im Eismeer – ließen schaudern. Nebenan trieb ein kleiner Eisläufer Wintersport auf einer hängenden Kugel. Und über die Ablage im Badezimmer lief ein Passant. Zahnputz­becher, Cremedosen und Tuben dienten als Projektionsflächen. Denn es waren Filme im Format Super 8, mit denen Stefanie Pöllot ihre alltägliche Umgebung in Landschaften, Straßen und Seen verwandelte. In der zur Stiftung gehörigen ehemaligen Kapelle wechselte die Künstlerin den Maßstab. Im Gewölbe der Apsis schien eine Kugel zu pendeln. Es handelte sich um die
ab­ge­filmte Projektion einer menschlichen Gestalt auf einen beweg­ten Ball. Gäbe es sie, die in esoterischen Zirkeln diskutierten Lichtkugel-Erscheinungen, sie wären wohl kaum schöner. Indem die Künstlerin Filme an unvermuteten Orten zeigt, sie auf Dinge projiziert, die sich gemeinhin wenig dafür eignen, gibt sie dem Medium etwas von seinem Zauber zurück, den es in seinen Kindertagen besessen haben muss.

Stefanie Pöllot zielt unmittelbar auf die imaginative Kraft des Be­trachters. Und die Imagination liebt das Kleine und Beschei­dene, da sie an ihm ihre ganze Kraft entfalten kann. Eine Wunder­kerze zum Beispiel, deren Wunder die Künstlerin im Videofilm nicht enden lässt. Oder die ansonsten flüchtige Geste des Winkens mit einem Taschentuch zum Abschied. Die Künst­lerin lässt Leerstel­len, um den Betrachter in den Prozess des Kunstwerks einzubeziehen. Lässt offen, was er mit ihren Kunst­werken anstellt. Etwa mit jenem irisierenden Glimmer, der – in kleine Kapseln gefüllt – für nur 50 Cent einem von der Künst­lerin bestückten Kau­gummi­automaten zu entnehmen war. Die Idee, Kunst im Wes­ten­­taschenformat durch Automaten unters Volk zu bringen, ist nicht neu. Doch wohl selten zuvor dürfte die Kunst solch reizende Spuren hinterlassen haben. Glitzer an den Fingern, an den Kleidern. Kunstwerke, die sich durch Berühr­ungen verbreiten, sich ihren eigenen Raum auf der Straße oder in Wohnungen schaffen. Noch Wochen später lassen sich glitzernde Partikel
finden, je nachdem wie das Licht gerade auf sie fällt.

„Minimal invasiv" würde der Mediziner Stefanie Pöllots Strategie nennen.

Thomas Heyden, Neues Museum Nürnberg